Durch die Explosion einer Rakete mit nuklearem Antrieb im Norden Russlands wurden radioaktive Strahlungen über einen längeren Zeitraum freigesetzt als bisher angenommen. Demnach sei der natürliche Wert in der Spitze um das 16-Fache überschritten worden, teilte der russische Wetterdienst Rosgidromet mit. Man habe innerhalb von zwei Stunden erhöhte Werte gemessen. Bislang hatte die Verwaltung der nordrussischen Stadt Sewerodwinsk, die am Weißen Meer liegt, lediglich von einem kurzzeitigen Anstieg von bis zu einer Stunde gesprochen.

Viele Menschen reagierten besorgt auf die Nachricht und deckten sich mit Jodtabletten ein. Laut dem Wetterdienst lag der Höchstwert der atomaren Verstrahlung bei 1,78 Mikosivert pro Stunde. Die Umweltorganisation Greenpeace sprach unter Berufung auf die Stadt Sewerodwinsk sogar von 2,0 Mikrosievert pro Stunde. Der natürliche Wert im Raum der Stadt liege normalerweise bei 0,11 Mikrosievert.
Expertinnen und Experten von Greenpeace hielten den erhöhten Wert "an sich für nicht dramatisch". Vielmehr komme es darauf an, welche strahlenden Stoffe freigesetzt worden seien. Jedoch gebe es dazu keine offiziellen Angaben.

"Gefahr für Europa"
Im Ausland befürchten Expertinnen und Politiker, dass die russischen Behörden wie bereits in der Vergangenheit nicht über das wahre Ausmaß der Explosion informiert hätten. Die Vorsitzendes des Umweltausschusses im deutschen Bundestag, Sylvia Kotting-Uhl (Grüne), zeigte sich besorgt über Russlands Umgang mit Atomunfällen. "Mehr als drei Jahrzehnte seit Tschernobyl – und Moskau hat nichts dazugelernt, sondern mauert und vertuscht", sagte die Grünen-Politikerin im Tagesspiegel. Das russische Verteidigungsministerium verbreite im aktuellen Fall Unwahrheiten. Die Abgeordnete bezeichnete Russlands Umgang mit Atomunfällen als "inakzeptabel" und "Gefahr für Europa".

Der Kreml versicherte, dass alle Behörden die vollständige Sicherheit der Bevölkerung gewährleistet hätten. "Daran sollte kein Zweifel bestehen", sagte der Kreml-Sprecher Dmitri Peskow der Nachrichtenagentur Interfax. Zudem betonten Sprecher der Behörden in Sewerodwinsk, dass man von keiner Gesundheitsgefährdung ausgehe. Berichte, wonach die Einwohner eines Dorfes in der Nähe des Raketentestgeländes in Sicherheit gebracht worden seien, hat die Verwaltung des zuständigen Gouverneurs dementiert. Allerdings habe die Stadt Sewerdowinsk den 500 Dorfbewohnern von Njonoksa empfohlen, ihre Häuser während der Arbeiten auf dem Testgelände zu verlassen.

USA vermutet neuen Raketentypus "Skyfall"
Am Donnerstag hatte das staatliche Nuklearunternehmen Rosatom gemeldet, dass bei dem Test einer "nuklearen isotopischen Antriebsquelle" für einen Raketenmotor der Treibstoff in Brand geriet und die Rakete explodierte. Dabei sind sieben Menschen, die als Ingenieure bei dem Test auf einer Plattform im Meer anwesend waren, gestorben.

Nach Erkenntnissen von US-Spezialisten arbeitet Russland an einer neuen atomar betriebenen Rakete. US-Präsident Donald Trump twitterte nach dem Unfall, die Explosion habe die Menschen in der Umgebung und darüber hinaus beunruhigt. Dabei erwähnte er einen Raketentypus namens "Skyfall". Zuvor hatte die New York Times berichtet, dass US-Geheimdienste hinter der getesteten Rakete den von der Nato als SSC-X-9 "Skyfall" bezeichneten Marschflugkörper vermuteten. Dieser werde atomar betrieben und könne deshalb besonders weit fliegen.

Russland hat dies nicht offiziell bestätigt. Bei der Trauerfeier für die getöteten Ingenieure sagte der Chef von Rosatom, Alexej Lichatschow, lediglich, dass die Arbeit an neuen Waffentypen zu Ende geführt werde. Weitere Details nannte er nicht. Im vergangenen Jahr hatte Regierungschef Wladimier Putin neue Waffen – darunter einen atomgetriebenen Marschflugkörper – angekündigt.