Als Munira Abdulla das Auto auf sich zurasen sah, schloss sie schützend die Arme um ihren vierjährigen Sohn Omar. So erzählt er es Jahre später der arabischen Tageszeitung "The National". Omar blieb bei dem Zusammenstoß in Abu Dhabi im Jahr 1991 nahezu unverletzt. Doch seine Mutter erlitt ein schweres Schädel-Hirn-Trauma. Das Gehirn der damals 32-Jährigen war so stark geschädigt, dass die Ärzte davon ausgingen, dass sie nie mehr aufwachen wird.

Die Patientin dämmerte in einem Zustand vor sich hin, den Ärzte minimales Bewusstsein nennen. Sie öffnete zwar die Augen und konnte den Blick auf das Gesicht ihres Sohnes richten, weitere Interaktionen waren jedoch nicht möglich. Auch sprechen konnte sie nicht. Ein Spezialist nach dem anderen behandelte die Frau, unter anderem in Abu Dhabi und Großbritannien. Doch erst in einer Klinik im bayerischen Bad Aibling kam sie im Sommer 2018 wieder zu sich, 27 Jahre nach dem Unfall. Ihr Sohn ist inzwischen so alt wie sie damals. Über all die Jahre hinweg hat er sich intensiv um seine Mutter gekümmert und weite Strecken auf sich genommen, um sie zu besuchen.


Die Geschichte von Munira Abdulla hat weltweit für Aufsehen gesorgt. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt der behandelnde Arzt Friedemann Müller, warum der Fall spektakulär ist.


Der Fall von Munira Abdulla hat für enormes Aufsehen gesorgt. Die "Bild" titelte: "Mutter erwacht nach 27 Jahren im Koma" und spricht von einem "medizinischen Wunder". Ist die Einschätzung gerechtfertigt?


Friedemann Müller: Tatsächlich ist der Fall medizinisch komplex. Zuletzt befand sich die Patientin in einem Zustand minimalen Bewusstseins, den man in dieser Form auch als "Wachkoma" bezeichnen könnte. Das heißt, sie konnte kurz gezielt auf etwas blicken, vor allem auf das Gesicht ihres Sohnes reagierte sie stark. Für Angehörige ist das Krankheitsbild kaum von einem Koma zu unterscheiden, bei dem die Patienten keinerlei Bewusstsein zeigen. Der Unterschied ist aber da und lässt sich vereinfacht so erklären: Beim "Wachkoma" können Patienten ihre Augen aufmachen, in einem Koma nicht. Aus einem Koma wacht kein Patient nach 27 Jahren einfach auf.

SPIEGEL ONLINE: Ist es also falsch zu sagen, die Frau sei erwacht?

Müller: Wenn Sie damit meinen, dass die Patientin wie nach einem langen Schlaf plötzlich aufwacht wie jeder am Morgen, dann ja. Treffend wäre folgende Beschreibung: Der körperliche und geistige Zustand der Patientin hat sich über die Zeit von wenigen Wochen enorm verbessert. Sie kann inzwischen bewusst mit ihrer Umwelt interagieren und wieder am Familienleben teilnehmen.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie anders gemacht als die behandelnden Ärzte zuvor?

Müller: Wir hatten einen ganzheitlichen Ansatz. Die Patientin litt unter Spastiken, also starken Muskelkontraktionen. Diese haben wir zunächst unter Kontrolle gebracht, sodass die Patientin wieder ein besseres Empfinden für ihren Körper entwickeln konnte. Außerdem haben wir die Medikamente gegen die Epilepsie so verändert, dass weniger Nebenwirkungen auftraten. Durch Physiotherapie konnten wir die Frau zudem so mobilisieren, dass sie im Rollstuhl das Krankenzimmer verlassen konnte und dadurch mit anderen Reizen konfrontiert wurde, zum Beispiel Vogelgezwitscher.

SPIEGEL ONLINE: Wann kam der entscheidende Durchbruch?

Müller: Das ist ein schleichender Prozess. Der Sohn bemerkte schon eine Verbesserung, bevor wir diese während der Visite feststellen konnten. Es ist häufig so, dass Angehörige Fortschritte als erste erkennen, weil sie oft mehr Zeit mit den Patienten verbringen, sie besser kennen und ihre Stimme vertraut ist. Irgendwann konnte sie den Mund öffnen, wenn wir sie darum baten. Außerdem konnte sie den Namen ihres Sohnes aussprechen, uns begrüßen und sie zitierte einige Verse aus dem Koran.

SPIEGEL ONLINE: Ist der Fall einzigartig?

Müller: Der Fall ist sehr außergewöhnlich, aber nicht einzigartig. Ein anderer bekannter Patient ist beispielsweise Terry Wallis aus West Virginia, der nach 20 Jahren im Wachkoma wieder anfing zu sprechen. Solche Fälle sind allerdings sehr selten.

SPIEGEL ONLINE: Bedeutet Ihre Therapie Hoffnung für andere Patienten?

Müller: Der Fall weckt natürlich Hoffnung. Deshalb hat sich der Sohn der Patientin auch entschieden, an die Öffentlichkeit zu gehen. Wir müssen nun herausfinden, welchen Menschen wir mit unseren Erkenntnissen helfen können. Ich würde Angehörigen in jedem Fall raten, in Kontakt mit den Patienten zu bleiben. Immer wieder mit ihnen zu sprechen, sie neuen Reizen auszusetzen, sie zu mobilisieren und sie dabei genau zu beobachten. Eine Garantie auf Besserung gibt es jedoch nicht, vor allem Hirnschäden durch Sauerstoffmangel zeigen selten Verbesserungen.